Sieh Dich um! Findest Du die »Kölsche Funke rut-wieß vun 1823« in der Liste?
Der Karnevalsverein der »Roten Funken« hat eine lange Geschichte. In den 1930er Jahren waren viele der Vereinsmitglieder Kaufleute oder Handwerker. Sie waren in festen Vereinsstrukturen organisiert, hatten einen Vorstand und einen Senat. Mit ihren rot-weißen Uniformen verulkten sie an Karneval traditionell das preußische Militär.
Der Verein ist hier nicht durchgestrichen. Das heißt, er bestand nach 1933 weiter – anders als beispielsweise der Kommunistische Jugendverband (KJVD), den Du darunter findest. Der KJVD wurde 1933 verboten, etliche Mitglieder wurden verfolgt. Jüdische Organisationen, wie die Kölner Zionistische Vereinigung, wurden erst später verboten – wenngleich ihre Mitglieder auch vorher schon antisemitischen Angriffen ausgesetzt waren. Viele nicht-jüdische Vereine gab es hingegen weiterhin, sie wurden »gleichgeschaltet«.
Aber was hieß das zum Beispiel für die »Roten Funken«? Was meinst Du?
Mehrere Antworten sind möglich.
In der Tat kontrollierten Ausschüsse den Bau der Wagen für die Rosenmontagszüge. Falsch ist hingegen, dass nur noch NSDAP-Mitglieder in den Vorstand gewählt werden konnten. Das Regime schrieb 1933 noch nicht vor, jüdische Mitglieder auszuschließen, viele Vereine taten das aber von sich aus. Kritik am Regime wurde auf Mitgliederversammlungen teils vehement geäußert.
Die Vereine wurden keiner NS-Organisation angeschlossen, aber ihre übergeordneten Gremien, das Festkomitee und der Bürgerausschuss, wurden in einem Dachverband, dem »Kölner Verkehrsverein«, zusammengefasst, der eng mit der NSDAP verbunden war.
Bis heute ist die Vorstellung verbreitet, das NS-Regime habe die Freizeitgestaltung der Deutschen und ihr Vereinsleben vollständig kontrollieren können. Auch in diesem Raum kann man den Eindruck gewinnen, Vereine seien entweder verboten oder nationalsozialistisch geworden.
Tatsächlich ist es aber komplizierter: In der Tat versuchten verschiedene Behörden und Parteistellen beispielsweise den Karneval nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Sie besaßen dabei aber keine Kontrolle über die weitgehend eigenständigen Karnevalsvereine.
Bei den »Roten Funken« zeigt sich damit, wie bei vielen Vereinen, ein Wechselspiel zwischen den Anforderungen des Regimes und Aktivitäten der Vereine selbst.
Die neue politische Ordnung ab 1933 eröffnete vielfach Handlungsspielräume, die Vereinsmitglieder für sich nutzten – sei es zur Stärkung der eigenen Position im Verein, oder um sich gegenüber anderen Vereinen zu behaupten. Und die eigene Rolle im Nationalsozialismus wurde vor allem anfangs durchaus kontrovers diskutiert.
Sieh Dir eine oder mehrere Geschichten aus dem Vereinsleben der »Roten Funken« an.
1934 kam es zwischen dem »Funk« Otto Fey und dem Kölner Gauleiter Josef Grohé zum Konflikt.
Um den Vorsitz des Vereins gab es jahrelang Konflikte. Auch der NSDAP-Ortsgruppenleiter Hermann Ihle bemühte sich um den Posten – erfolglos.
Im Juni 1935 führte der Festausschuss den »Arierparagraphen« ein. Die Kritik der »Funken« richtete sich jedoch gegen andere Aspekte der neuen Satzung.
In solchen Auseinandersetzungen fanden NS-Behörden und Verein zu einem gemeinsamen Arrangement – auch, weil beide Seiten vom Karneval profitierten: Der ursprünglich bürgerlich geprägte Karneval wurde im Nationalsozialismus zu einem Volksfest für breitere Bevölkerungsgruppen.
Der damit verbundene Aufschwung kam sowohl den »Roten Funken« als auch den NS-Behörden zugute, die das Fest propagandistisch nutzten – wie hier auf dem Bild im Hintergrund bei einem Auftritt der »Funken« bei einer Großveranstaltung der NS-Organisation »Kraft durch Freude« 1935.
Die »Gleichschaltung« der »Roten Funken« zeigt beispielhaft, wie einzelne Mitglieder die neue politische Ordnung für sich nutzten und wie im Verein um das Verhältnis zum Regime gerungen wurde. Solche individuellen Handlungsweisen sind seit den 1990er Jahren verstärkt erforscht worden. Der Blick auf die Gesellschaft im Nationalsozialismus hat sich damit verändert.
Wie Historiker*innen auf die Gesellschaft im Nationalsozialismus blicken, hat sich also stark gewandelt. Damit hängt ein verändertes Verständnis der NS-Zeit insgesamt zusammen: Historiker*innen stellen vermehrt Fragen danach, wie die Deutschen ihr Alltagsleben mit dem Regime vereinbarten, welche Anreize für sie geschaffen wurden und wie Einzelne vom NS-Regime profitieren.
Auch die künftige Dauerausstellung des NS-DOK wird eine solche Perspektive auf den Nationalsozialismus einnehmen.
Was würde Dich dabei besonders interessieren?
Mehrere Antworten sind möglich.
Das sagt Ihr:
Oder hast Du eine ganz andere Frage, die Dich interessiert?
Setze den Gang durch die Ausstellung fort. Im Raum zur Gestapo geht es weiter.
Bildnachweise:
1. Ausstellungsansicht NS-DOK © Rheinisches Bildarchiv rba_d022816_78; 2. & 7. Rote Funken auf der Hindenburgbrücke, 1934 © NS-DOK; 3. Ausstellungsansicht NS-DOK © privat; 4. Richtlinien für den Rosenmontagszug © Privatarchiv Werner Liessem; 5. Rosenmontagszug 1934 © NS-DOK; 6: Rosenmontagszug 1935 © NS-DOK; 8. Hermann Ihle © Archiv der Roten Funken; 9. Wilhelm Schneider-Clauß © Archiv der Roten Funken; 8. Satzung des Festausschusses 1935 © Privatarchiv Werner Liessem; 10. Kritik am Festausschuss, 1935 © Archiv der Roten Funken; 11. Otto Fey © Archiv der Roten Funken; 12. Schreiben von Otto Fey an Rudolf Heß © Archiv der Roten Funken; 13. Auftritt der »Roten Funken« bei einem Großveranstaltung der NS-Organisation »Kraft durch Freude«, 1935 © Privatarchiv Werner Liessem; 14: Wagen der Roten Funken 1934 © NS-DOK 15. Zuschauer*innen beim Rosenmontagszug 1935 © NS-DOK





