In der Ausstellung begegnen Dir herabwürdigende Darstellungen vor allem in den Quellen aus der NS-Zeit. Manchmal verbreiten aber auch Ausstellungsmacher*innen selbst Stereotype, etwa indem sie bestimmte Geschichten auswählen und andere nicht erzählen. Die präsentierten Geschichten scheinen dadurch für eine ganze Gruppe von Personen zu stehen.
So auch in diesem Fall, der beispielhaft die Verfolgung homosexueller Männer im Nationalsozialismus zeigt.
Im Zentrum steht die Akte von H. B. Ihm wurde 1939 zur Last gelegt, Arbeitskollegen wiederholt sexuell belästigt zu haben. Sie waren unter 21 Jahren und galten damit im Nationalsozialismus als minderjährig.
Vom Kölner Landgericht wurde der Postangestellte H.B. deshalb wegen »widernatürlicher Unzucht« und der »versuchten Verführung männlicher Personen unter 21 Jahren zu Unzucht« verurteilt – Straftatbestände, die das NS-Regime für die Verfolgung von Homosexuellen genutzt hat (§175, 175a StGB). Später folgten weitere Verurteilungen.
Ob sich der Fall tatsächlich so abgespielt hat, wie Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft in der Akte schildern, kann man nur mutmaßen. Trotzdem präsentiert die Ausstellung hier nur die Akte eines Homosexuellen, der Minderjährige belästigt haben soll.
Unerzählt bleiben dagegen etwa all die Geschichten von schwulen Männern, die im Nationalsozialismus wegen einvernehmlichem Sex oder Liebesbeziehungen verurteilt wurden. Gerade sie sind in der NS-Zeit massiv verfolgt worden, da etwa bereits Flirten oder Hand-in-Hand-Gehen kriminalisiert wurden.
Willst Du mehr über Schwulsein in Köln in den 1930er Jahren erfahren? Dann wische hier nach links und sieh dir die Geschichte von Johann N. an.
In der Ausstellung ausschließlich die Fallakte zu H. B. zu zeigen, bedient ein Vorurteil, das in den 1990er Jahren sehr verbreitet war und zum Teil bis heute nachwirkt: dass es einen Zusammenhang zwischen Homosexualität und pädophilen Handlungen gäbe.
Andere Geschichten homosexueller Bekannt- und Liebschaften wie von Johann N. werden dagegen nicht erzählt. Und Einblicke in schwule oder lesbische Lebenswelten abseits von Sexualität fehlen sogar vollständig.
Oft sind aber auch nur behördliche Quellen zum Leben von Verfolgten überliefert, sodass Einblicke in ihre Lebenswelten kaum möglich sind. Gehe zwei Räume weiter, um mehr darüber zu erfahren.
Bildnachweis:
1. Raumansicht © NS-DOK; 2. Aktendeckel H.B. © LAV NRW R, BR 2034, VH II 83; 3. Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus am Kölner Rheinufer © CC-BY-SA KölnTourismus, Foto: Christoph Seelbach; 4. Postkarte des Lokals »Nettesheim« © Privatbesitz; 5. Anzeige des Dornröschens, 1920er Jahre, in: Die Freundschaft; 6. Die Freundin, Nr. 09, 1928, S. 5; 7. Zeichnung des Dornröschens von Martin Augenstein nach den Angaben von Willi Zehnpfennig © Centrum Schwule Geschichte e.V.


