Du siehst hier viele erkennungsdienstliche Fotos von Kölner Sinti*zze und Rom*nja, Hand- und Fingerabdrücke und die Ergebnisse von Körpervermessungen. Jeder Aufsteller dokumentiert die Verfolgungsgeschichte eines Menschen.
Dabei zeigen sie die Geschichte aus einer bestimmten Perspektive: Fast alle Fotos und Dokumente in diesem Raum stammen von NS-Behörden, der Kriminalpolizei oder der »Rassenhygienischen Forschungsstelle«, einer pseudowissenschaftlichen Einrichtung des Reichsgesundheitsamtes.
Sieh Dich einen Moment um.
Auf den Karteikarten dieser »Rassenhygienischen Forschungsstelle« sind zum Teil mehr als 20 Messungen am Kopf und Körper der Sinti*zze und Rom*nja notiert. Diese Messungen wurden unter Vorwänden oder Zwang durchgeführt.
Auch die Ergebnisse der erniedrigenden »Untersuchung« sind vermerkt: Unten rechts auf der Karteikarte wurde jede Person gemäß der NS-Rassenideologie in eine Gruppe eingeteilt (»Rass. Einordungen«). Diese Kategorien entschieden mit über die weitere Verfolgung.
Einige Aufnahmen im Raum zeigen Mitarbeiter*innen des Institutes bei den erniedrigenden Vermessungen. Auf einem Foto ist zu sehen, wie sie 1937 oder 1938 in Köln-Bickendorf ein Kind begutachten. Dort hatte die Stadt wenige Jahre zuvor ein Lager zur zentralen Unterbringung von Sinti*zze und Rom*nja in Köln errichtet.
Würdest Du diese Aufnahmen so in einer Ausstellung sehen wollen, oder eher nicht?
Positioniere den Schieberegler.

Dass die Quellen in diesem Raum nur die Sichtweise der Verfolgungsbehörden abbilden, ist problematisch. Sie erlauben lediglich Einblicke in bestimmte Lebensabschnitte der Verfolgten, während deren weitere Biografie und ihre eigenen Wahrnehmungen offenbleiben. Außerdem enthalten die Dokumente herabwürdigende Daten und Begriffe.
Wir zeigen Dir an einem Beispiel, wie sich mit anderen Materialien der Blick auf das Leben von Verfolgten ändert.
Findest Du den Aufsteller zu Karl Josef Reinhardt?
Mit den darauf ausgestellten Dokumenten lassen sich zentrale Stationen seiner Verfolgung nachvollziehen: Karl Josef Reinhardt wurde 1937 von der Kriminalpolizei erfasst, einer rassistischen Untersuchung unterzogen und schließlich im Mai 1940 ins besetzte Polen deportiert.

Wir wollen Dir gerne ein anderes Bild von ihm zeigen.
Hier siehst Du Karl Josef Reinhardt in den 1950er Jahren mit Familie und Freund*innen auf dem Wagenplatz, auf dem er lebte.

Karl Josef Reinhardt ist 1900 im Elsass geboren und war der Cousin des berühmten Jazz-Musikers Django Reinhardt. Er lebte mit seiner Frau Katharina Mettbach in Köln. Von den zwölf Kindern der Familie überlebten nur sechs die nationalsozialistische Verfolgung.
Um die Geschichte von Verfolgten nicht nur aus der Perspektive der NS-Behörden zu erzählen, braucht es private, freiwillig überlieferte Quellen. Das stellt Gedenkstätten und Museen vor Herausforderungen: Zwar sammeln sie gezielt Material aus dem Privatbesitz wie Briefe, Tagebücher oder Fotos. Trotzdem bleibt es die Ausnahme, dass solche Erzählungen wie zu Karl Josef Reinhardt vorliegen – in diesem Fall auch dank eines Interviewprojekts aus der Sinti Community selbst.
In den 1990er Jahren war es ein progressiver Ansatz, diese Fülle an biografischen Beispielen zur bis dahin weitgehend verschwiegenen Verfolgung von Sinti*zze und Rom*nja zusammenzutragen.
Heute stellt sich jedoch stärker die Frage nach einer würdigen, weniger fremdbestimmten Darstellung der Verfolgten als nach einem bloßen Bezeugen der Verbrechen. Und gerade Angehörige von Verfolgten oder Personen, die heute von Diskriminierung betroffen sind, kritisieren die »amtlich dominierten« Materialien.
Dass manche Lebensabschnitte ohne entsprechende Quellen nicht aus der Perspektive der Verfolgten erzählt werden können, wirft ein Problem auf, das sich nicht so einfach auflösen lässt. Daher greifen manche Museen auf das Fiktionale zurück und finden kreative Formate, in denen Biografien auch ergänzt werden können.
Das Kultur- und Stadthistorische Museum Duisburg hat im Katalog zu einer Ausstellung zur NS-Verfolgung von Sinti*zze und Rom*nja eine Graphic Novel zur Biografie der Sintezza Hildegard Lagrenne veröffentlicht. Die Erzählung ergänzt die behördlichen Quellen in der Ausstellung um eine persönliche Perspektive.
Was meinst Du: Was sollen Museen tun, wenn private Materialien die Ausnahme sind?
Nur eine Antwort ist möglich.
Das sagt Ihr:
Ich habe eine ganz andere Idee, und zwar…
Setze den Gang durch die Ausstellung fort. Im nächsten Raum geht es schon weiter.
Bildnachweis:
1. Raumansicht © NS-DOK; 2. Raumansicht © NS-DOK / Michael Wiesehöfer; 3. Karteikarte von Hilde Wernicke © Bundesarchiv R 165; 3. Vermessungen der »Rassenhygienischen Forschungsstelle« © Bundesarchiv, Bild 146-1987-107-30 / CC-BY-SA 3.0; 4. Markus Reinhardt in der Ausstellung © NS-DOK; 5. Ausstellungsansicht © NS-DOK; 6. Aktendeckel zu Josef Wernicke © HStAD BR 2034 Nr. 157; 7. Familie Reinhardt, 1950er Jahre © Privatbesitz Markus Reinhardt; 6. Ausweis von Philipp Reinhardt © Privatbesitz Markus Reinhardt; 7. Kapelle von Philipp Reinhardt © Privatbesitz Markus Reinhardt; 8. Ausstellungsansicht © Rheinisches Bildarchiv rbd d022816-88; 9. Graphic Novel »Alles totenstill und leer« © Kultur- und Stadthistorisches Museum Duisburg / Jonas Heidebrecht
Videos:
1. Philipp Reinhardt im Interview mit Werner Jung und Nina Oxenius, 15.09.1992 © NS-DOK; 2. Markus Reinhardt im Interview mit Krystiane Vajda, 2.12.2019, im Projekt »Klänge des Lebens. Der Weg der Überlebenden« © NS-DOK; 3. Alexa Hennings: »Die Heimkehr. Der Weg der Sinti-Familie Reinhardt von Auschwitz nach Köln« © Deutschlandradio
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