Hier und in den nächsten beiden Räumen wird die schrittweise Entrechtung, Ausgrenzung und die Verfolgung der Kölner Jüdinnen und Juden bis hin zur systematischen Vernichtung – der Shoah – beschrieben.
Der Raumtitel lautet »Jüdisches Schicksal«. Er geht auf eine frühere Sonderausstellung des NS-DOK zur Verfolgung und Ermordung der Kölner Jüdinnen und Juden zurück, die zum 50. Jahrestag der Reichspogromnacht im Jahr 1988 im Kölnischen Stadtmuseum gezeigt wurde.

Der Begriff »Schicksal« wird auch in anderen Zusammenhängen häufig genutzt, um die Shoah zu beschreiben.
Es gibt aber auch Kritik an dem Begriff. Denn was genau meint »Schicksal«?
Schicksal: »von einer höheren Macht über jemanden Verhängtes, ohne sichtliches menschliches Zutun sich Ereignendes, was jemandes Leben entscheidend bestimmt.«
Definition im Duden
Spricht man also von »Jüdischem Schicksal«, klingt das nach einer unausweichlichen, nicht beeinflussbaren Bestimmung. Dadurch wird die Frage nach der Verantwortung ausgeblendet. Dass aber Menschen die Verfolgung und systematische Vernichtung der Jüdinnen und Juden entschieden und umgesetzt haben, wird so nicht deutlich. Die Shoah wirkt wie ein Verbrechen ohne Täter*innen. Sie wird verharmlost.
In der Ausstellung finden sich viele Begriffe, die als problematisch empfunden werden können. Weil sie irreführend sind, aber auch, weil NS-Sprache aus den Quellen übernommen wird oder diskriminierende Bezeichnungen genutzt werden.
Sieh Dich um, fallen Dir weitere Begriffe auf, die Dich stören? Oder möchtest Du uns auf etwas Anderes in unserer Sprache hinweisen?
Seit der Eröffnung der Ausstellung 1997 hat sich der Blick auf Sprache stark geändert. Immer häufiger achten Museen in ihren Ausstellungstexten darauf, selbst keine diskriminierenden Begriffe zu verwenden. Aber was ist mit den Quellen, in denen NS-Begriffe auftauchen? Gehe einen Raum weiter! Findest Du das Dokument vom 1. April 1933?
Das Schreiben fordert die Dienststellen der Kölner Stadtverwaltung auf, jüdische Angestellte zu melden. Damit wurde ihre Entlassung aus dem öffentlichen Dienst vorbereitet. An dem Dokument wird auch deutlich, wer im Nationalsozialismus als jüdisch galt. Hierfür wird der Begriff der »Rasse« genutzt.
Die Bezeichnung wird bis heute mit der Verfolgung und Vernichtung von Menschen im Nationalsozialismus und Kolonialismus verbunden. Es gibt einen breiten Konsens in Deutschland, den Begriff nicht zu nutzen.
Sogar in Kontexten, in denen er eigentlich Diskriminierung verhindern soll, kritisieren viele Personen die Verwendung des Wortes.
Im deutschen Grundgesetz steht etwa, dass niemand »wegen […] seiner Rasse […] benachteiligt oder bevorzugt werden« darf. Der Artikel wurde 1949 aufgenommen – gerade um zu verhindern, dass die Verfolgung von Menschen wie im Nationalsozialismus wieder passiert.
Und trotzdem gibt es hieran seit einigen Jahren Kritik. Menschen befürchten, die Verwendung in einem deutschen Gesetzestext lege die rassistische Vorstellung nahe, es gäbe voneinander abgrenzbare »Menschenrassen« tatsächlich.
Auch in Museen wird darüber diskutiert: In vielen nationalsozialistischen Dokumenten ist der Begriff allgegenwärtig und auch hier in der Ausstellung begegnet man ihm immer wieder.
Was folgt daraus, wenn Quellen mit dem »Rasse«-Begriff ausgestellt werden?
Den Begriff gab es schon vor 1933. Die Nationalsozialist*innen haben ihn radikalisiert und auch die Entrechtung bis hin zur Shoah damit begründet. Die nationalsozialistische Vorstellung einer »Rassentheorie« ist zentral, um Ausgrenzung und Verfolgung zu erklären.
Aber: Der Begriff beschreibt den Versuch, Menschen biologische Eigenschaften zuzuschreiben und sie dadurch zu hierarchisieren. Eine wissenschaftliche Grundlage dafür gibt es nicht. Stattdessen dient das Konstrukt der Legitimierung von Rassismus. Die Idee von »Rassen« bedroht Personengruppen noch heute. Mit ihr konfrontiert zu sein, belastet von Antisemitismus und Rassismus Betroffene.
Was meinst Du? Wie sollte mit diesem Begriff umgegangen werden?
Mehrere Antworten sind möglich.
Das sagt Ihr:
Gehe zwei Räume weiter. Dort begegnet Dir ein Thema, das Du vielleicht schon aus dem ersten Stock kennst.
Bildnachweis:
1. Ausstellungsansicht © NS-DOK / Michael Wiesehöfer; 2.Ausstellung im Kölnischen Stadtmuseum © NS-DOK / Celia Körber-Leupold; 3. Katalog zur Ausstellung »Jüdisches Schicksal« © NS-DOK; 4. David Cesarani: »Endlösung« © Propyläen Verlag; 5. Yad Vashem: Das Schicksal der Juden in ganz Europa, URL: https://www.yadvashem.org/de/holocaust/about/fate-of-jews.html; 6. Bundeszentrale für politische Bildung: »Schicksalsjahr 1938«, URL: https://www.bpb.de/themen/nationalsozialismus-zweiter-weltkrieg/schicksalsjahr-1938/; 7. DER SPIEGEL: »Ich allein war übrig«, URL: https://www.spiegel.de/geschichte/holocaust-schicksal-a-949599.html; 8. Duden: Schicksal; URL: https://www.duden.de/rechtschreibung/Schicksal; 9. Schreiben des Beigeordneten Ludwig an alle Dienststellen © HAStK Best. 902, Nr. 157/3, S. 963; 10. Artikel 3 des Deutschen Grundgesetzes am Bundestag © Lille Grashoff; 11. Glossar der Ausstellung »trotzdem da!« der Gedenkstätte Lager Sandbostel © privat



