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Quellenarbeit erklären

Sieh Dich um! Findest Du einen Zettel mit der Aufforderung »Deutschland Erwache!«? Schau auch auf Hüfthöhe.

Mit vielen anderen Blättern ist dieser Zettel in einer Akte der Kölner Staatsanwaltschaft überliefert. Diese ermittelte mit besonderem Engagement gegen Kritik am NS-Regime, die seit 1933 eine besondere Straftat darstellte.

Die Akte wurde zu dem damals 28-jährigen Monteur Matthias Schäfer angelegt. Er wurde im November 1933 verdächtigt, mehrere kommunistische Zettel verteilt zu haben. Diese sind als Indizien in der Akte aufgehoben worden.




Heutiger Theodor-Heuß-Ring, 1935

Matthias Schäfer war am Abend des 11. November 1933 auf dem heutigen Theodor-Heuss-Ring unterwegs, als er von einer SA-Streife verhaftet wurde. Der Grund: In der Nähe waren kommunistische Wurfzettel gefunden worden, die dazu aufriefen, bei der anstehenden Volksabstimmung gegen den Austritt aus dem Völkerbund zu stimmen.

Aussage von Matthias Schäfer, 14.11.1933

Schäfer geriet in Verdacht, weil er sich in der Nähe des Fundorts aufhielt – laut einem SA-Mann »in ganz verdächtiger Weise« – und sich nicht ausweisen konnte. Da auch die Vernehmungen keine weiteren Beweise erbrachten, wurde Schäfer am 15. November 1933 aus der Haft entlassen. Das Verfahren wurde eingestellt.

Weder von der Streuzettel-Aktion noch von der Verhaftung Matthias Schäfers erfährt man in der Ausstellung etwas. Auch zum Datum oder dem Fundort gibt es keine Informationen.

Ausstellungsmacher*innen bereiten Quellen für die Präsentation im Museum auf und entscheiden, ob oder wie sie mit Informationen versehen werden. Teilweise werden sie auch bearbeitet. So werden z. B. Fotos vergrößert oder beschnitten.

Oft besonders stark bearbeitete Quellen sind Zeitzeug*innen-Interviews.

Gehe zur Medienstation »SPD und Gewerkschaften«. Hier werden Ausschnitte aus einem Interview mit dem Gewerkschafter Willi Schirrmacher gezeigt. Zwei Interviewer befragten ihn wahrscheinlich im Jahr 1980 zu seinen Erfahrungen im Nationalsozialismus. Sieh Dir den ersten Ausschnitt »Vor 1933« in der Station oder hier an!

Das Video besteht aus drei zusammengeschnittenen Sätzen. Die Ausstellungsmacher*innen haben die Gesprächsaufzeichnung also stark bearbeitet: zum Teil sind einzelne Sätze von Willi Schirrmacher unterbrochen.

Hier kannst Du Dir zum Vergleich den ungeschnittenen Anfang des Interviews ansehen.

Welchen Clip hast Du Dir lieber angesehen?

11 Welchen Ausschnitt hast Du dir lieber angesehen
Fragen

Das sagt Ihr:

Wenn Du mehr darüber erfahren willst, wie das Interview ablief:

Wenn Dich eher interessiert, wieso das Ausstellen von Interviews eine Herausforderung ist, scrolle direkt weiter.

Einiges erzählt Willi Schirrmacher nicht von sich aus, sondern, weil die Interviewer es ihm nahelegen.
Die Gesprächspartner unterbrechen das Interview mehrfach. Was sie während der Pause besprechen, ist nicht Teil der Aufnahme.
Zu manchen Themen, die den Interviewern wichtig sind, kann Willi Schirrmacher nichts sagen.
Manches erzählt Willi Schirrmacher, obwohl er meint, es sei für die Interviewer nicht relevant.

Viele der Ausschnitte aus dem Interview lassen sich nicht gut ausstellen.

Für das Verständnis der Quelle sind sie aber wichtig: Sie zeigen die Dynamik zwischen den Gesprächspartnern und geben Hinweise darauf, was beide Seiten von dem Gespräch erwarten.





Interviews sind wichtige Quellen, um Erfahrungen von Menschen zu zeigen und gerade Verfolgten eine Stimme zu geben. Gleichzeitig sind sie besonders schwierig auszustellen, weil sie oft sehr lang sind und auch Erzählungen aus anderen Kontexten enthalten, etwa aus dem Privatleben der Zeitzeug*innen.

Wenn sie geschnitten werden, entstehen allerdings neue Zusammenhänge und der ursprüngliche Kontext ist oft nicht mehr nachvollziehbar.

»Die angemessene Präsentation von Zeitzeugen-Interviews ist nicht nur eine Frage des Respekts, sondern auch eine der Quellenkritik. […] Der Anspruch eines biografischen und quellengerechten Umgangs mit ihnen gerät allerdings regelmäßig in Konflikt mit der begrenzten Zeit, die im Rahmen eines Ausstellungsrundgangs für ein Interview zur Verfügung steht.«

Cord Pagenstecher, Historiker

Immer öfter erklären Museen, wie sie mit Quellen umgehen oder laden die Besucher*innen ein, in den Ausstellungen selbst mit ihnen zu arbeiten.

Viele Ausstellungen zeigen Quellen inzwischen in ihrem Überlieferungskontext: Besucher*innen in der Dokumentation Obersalzberg können etwa ein Fotoalbum durchblättern, statt ein einzelnes Foto präsentiert zu bekommen.
Die Ausstellung »Ausgeschlossen. Archäologie der NS-Zwangslager« macht transparent, wie die Objekte ins Museum kamen: Ihre Fundorte bei archäologischen Grabungen an ehemaligen Lagerstandorten werden miterzählt.
Im Lernlabor der Ausstellung »Schule im Nationalsozialismus« des Nürnberger Schulmuseums konnten Schüler*innen selbstständig mit Quellen arbeiten.
Die Wanderausstellung »trotzdem da!« erklärt, wie die Interviews entstanden sind. Besucher*innen können sich längere ungeschnittene Passagen ansehen.

Worüber würdest Du in Zukunft gerne mehr erfahren?

Mehrere Antworten sind möglich.

11: Was interessiert Dich
Fragen

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